Wie wollen wir künftig wohnen – und wie können Kommunen zu bezahlbarem und ökologischem Wohnraum beitragen? Über diese existentiellen Fragen sprach die grüne Landessprecherin Gisela Sengl mit den Bürgermeisterkandidaten Dieter Pletz (Altdorf) und Andreas Sperling (Feucht) beim politischen Frühschoppen im gut gefüllten Cafe Sport Bavaria.
Einführend nannte Landratskandidatin Dr. Bianca Pircher ein wesentliches Problem:
„Als eine der letzten bin ich auf der Altdorfer Geburtsstation geboren und will in „meiner Stadt“ bleiben. Das ist für mich – wie für viele junge Familien oder ältere Menschen nach Umzug in eine kleinere Wohnung– ohne Goldtruhe im Hinterzimmer sehr schwer!“

Gisela Sengl nannte in ihrem kurzen Vortrag gleich eindrucksvolle Zahlen als Erklärung dazu: „Als ich jung war, lebte eine Person im Schnitt auf 25 Quadratmetern – heute sind es rund 50 Quadratmeter.“ In dieser Entwicklung stecken auch Folgen des gewachsenen Wohnraumbedarfs für Flächenverbrauch, Energiebedarf und Immobilienpreise.
Ein verstärkender Faktor ist, dass Wohnungen der öffentlichen Hand, Betriebs- und Sozialwohnungen großteils aufgegeben wurden. Erst langsam wächst wieder das Bewusstsein, dass Kommunen ihren Grundbesitz als “strategisches Vermögen” unbedingt halten sollten. Denn damit können sie ihrem Verfassungsauftrag nachkommen, “billige Volkswohnungen zu fördern”.
Dieter Pletz verwies ergänzend auf das Vorkaufsrecht von Kommunen bei Grundstücksverkäufen.
Einig war sich das Podium: Neue Baugebiete sollten nur dort ausgewiesen werden, wo die Kommune Eigentümerin der Flächen ist, um diese nach ökologischen und sozialen Kriterien entwickeln zu können. Gegenüber dem Argument klammer Kassen forderte Andreas Sperling einen Perspektivwechsel:
„Wohnen ist eine Infrastrukturfrage – die langfristig der Stadt auch finanziell nutzt: Denn Betriebe bekommen ohne Wohnungen keinen Fachkräfte, mit denen sie Gewinn erwirtschaften und davon Gewerbesteuern an die Stadt zahlen können.“
Zur Möglichkeit einer städtischen Zweckentfremdungssatzung nannte der Feuchter Kommunalpolitiker Sperling das Problem von Ferienwohnungen, die den Wohnraum zusätzlich verknappen. Außerdem kann eine Leerstandsabgabe Immobilienbesitzer zur Vermietung motivieren.
Die Landespolitikerin Sengl bedauerte: Für Baulücken kann in Bayern aufgrund der Ablehnung der Staatsregierung nicht die bundesweit mögliche Grundsteuer C erhoben werden. Sie ist eine wirksame finanzielle Motivation, dem gesetzlichen Grundsatz nachzukommen: Eigentum verpflichtet.
Als konstruktive Lösung nannte Dieter Pletz Wohnbaugenossenschaften, für die er sich vergeblich im Altdorfer Stadtrat eingesetzt hat. Zur Ablehnung wegen mangelnder Rentabilität war sein klares Statement:
“Wir können nicht alles exelmäßig mit Zahlen lösen! Ich will zuerst nach den sozialen Bedarfen schauen.” Ein Gast stimmte zu: “Hallenbäder lohnen sich auch nicht und werden doch gebaut.” Und Sperling verwiese auf die Idee von landkreisweiten Wohn-Genossenschaften mit höheren reale Chancen.
Die Referentin verwies darauf, dass auch aus ökologischen Gründen eine engere Bebauung wie bei Reihenhäusern große Vorteile wie verringerten Wärmeverlust hätten. „Früher galten Reihenhäuser als spießig – heute müssen sie als ökologische Bauform gelten! Der Umweltaspekt ist auch ein starkes Argument, statt Abriss und Neubau mit hohem CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch besser vorhandene Gebäude zu sanieren.
Zum “Bauturbo” aus Berlin kritisierte Sengl, dass mit dem “Bürokratieabbau” hauptsächlich soziale und ökologische Vorgaben gestrichen werden. Andreas Sperling verwies auf die Nebenwirkung: Bei gefallenen Stellplatzvorgaben besetzen viel mehr Autos den öffentlichen Grund besetzen.
In der weiteren Diskussion bezog Gisela Sengl die Bevölkerung als Faktor mit ein: „Individualismus gilt beim Wohnen als Statussymbol – aber ob das wirklich gut tut? Einsamkeit macht nachweislich krank, und große Häuser im Alter zu erhalten, ist für viele eine Belastung.“
Mit Sengl regten mehrere Zuhörer an, stärker über gemeinschaftliche und flexible Wohnformen nachzudenken: “Unsere Generation könnte dazu beitragen, den Wohnungsmarkt zu entspannen, wenn wir neue Wohnformen wagen.“
Dazu betonte Stadtratskandidat Oliver Ludewig: “Um die eigene Wohnung aufgeben zu können, brauchen ältere Menschen aber auch die Sicherheit, einen anderen guten Platz finden zu können.”
Mit der Feststellung “Den Gutwilligen fehlt ein Gegenüber” wollen sowohl Pletz als auch Sperling sich für Wohnraumberatung und Wohntauschbörsen als kommunale Unterstützung einsetzen.
Sengl bestärkte das mit Verweis auf die Nebenwirkung: Wenn Bürger erleben, die gewählte Volksvertretung kümmert sich um meinen Bedarf, dann stärke das auch das Vertrauen in die Demokratie.
Dafür vergewisserte sich Stadtratskandidatin Silke Roth, ob es für ein sachgerechtes Kümmern auch Schulungen für den neuen Stadtrat gebe? Dieter Pletz versicherte, dass er sich als Bürgermeister sehr für eine Qualifizierung des ehrenamtlichen Stadtrats einsetzen werde.

„Bürger einbinden, Demokratie fördern, Gemeinschaft leben“ – so lautete das Fazit der Veranstaltung.
